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Leseprobe Soziale Sicherheit 4_2016

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Alterssicherung Rente

Alterssicherung Rente wird um 4,25 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten erhöht Wie wird der Rentenanstieg eigentlich berechnet? Von Rolf Winkel Zum 1. Juli steigen die gesetzlichen Renten um 4,25 % im Westen und 5,95 % im Osten. Das ist der »stärkste Rentenzuwachs seit 23 Jahren«, freute sich Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Die Rentenerhöhung sei »erfreulich – und zugleich nicht verantwortbar«, kommentierte das Handelsblatt. Andere Medien sprachen von einem »falschen Signal«. Ganz so, als ob sich der Gesetzgeber aussuchen könnte, wie sich die Renten entwickeln. Dabei gibt es dafür klare gesetzliche Vorgaben. Wer legt den Rentenzuwachs fest? Die Bundesregierung – und zwar in der Rentenanpassungsverordnung. Dieser Verordnung muss der Bundesrat allerdings noch zustimmen. Das ist aber im Grunde eine reine Formsache. Denn es gibt klare Regeln, die vorgeben, wie die Rentenanpassung zur berechnen ist. Diese findet man in § 68 SGB VI. Welche Faktoren bestimmen die Rentenerhöhung? Entscheidend ist zunächst die Entwicklung der Bruttoentgelte der beitragspflichtig Beschäftigten. Für die jetzige Anpassung kommt es darauf an, wie sich die Löhne 2015 gegenüber dem Vorjahr – also gegenüber 2014 – entwickelt haben. Gerechnet wird dabei getrennt für die alten und für die neuen Bundesländer. Aufgrund der Daten des Statistischen Bundesamts ergibt sich für 2015 im Vergleich zum Vorjahr rechnerisch eine Lohnsteigerung um 3,78 % in den alten und 5,48 % in den neuen Bundesländern. In diesen – recht hohen – Prozentzahlen ist diesmal ein kleiner statistischer Effekt enthalten, der diese Werte (künstlich) um rund einen Prozentpunkt erhöht. Hintergrund dafür war eine Änderung der Beschäftigtenstatistik im Jahr 2014. Diese hat 2015 zunächst zu einer Dämpfung des Rentenanstiegs geführt. In diesem Jahr wird das durch einen höheren Anstieg ausgeglichen. Welche weiteren Faktoren bestimmen sonst noch die Rentenentwicklung? Vor allem der so genannte Nachhaltigkeitsfaktor. Damit soll die demografische Entwicklung bei der Rente berücksichtigt werden. Generell rechnen die Statistiker damit, dass es künftig zunehmend mehr Rentenbezieher und gleichzeitig weniger Arbeitnehmer geben wird, die mit ihren Beiträgen für die Rente aufkommen. Das zahlenmäßige Verhältnis beider Gruppen wird durch den Nachhaltigkeitsfaktor abgebildet. Gibt es weniger Arbeitnehmer und mehr Rentner, so dämpft das den Rentenanstieg. Und umgekehrt. Auch hier kommt es diesmal auf die Entwicklung von 2015 gegenüber 2014 an. Hat der Nachhaltigkeitsfaktor zuletzt eine Rentensenkung bewirkt? Nein. Und auch dieses Mal bewirkt er ein Rentenplus. Durch die relativ günstige Arbeitsmarktentwicklung gab es im Vergleichszeitraum mehr Beschäftigte. Das bringt den Rentnern in diesem Jahr einen um 0,18 Prozentpunkte höheren Rentenanstieg. Kann sich der Nachhaltigkeitsfaktor auch künftig positiv auf die Rentenentwicklung auswirken? Insgesamt ist eher mit dem Gegenteil zu rechnen. Positiv für die Ruheständler kann sich allerdings der Zuzug von Flüchtlingen bzw. generell die Zuwanderung nach Deutschland auswirken. Die Zuwanderung wird in den nächsten Jahrzehnten kaum Einfluss auf die Zahl der Rentenbezieher haben, wohl aber – auf Dauer – dazu führen, dass es mehr versicherungspflichtig Beschäftigte gibt. Für die Rentner ist das höchst positiv. Möglicherweise wird man im kommenden Jahrzehnt Meldungen lesen können wie »Zuwanderer sichern Rentnern ein Einkommensplus«. Wirkt sich auch der Beitragssatz auf die Rentenanpassung aus? Im Prinzip gilt: Steigt der Rentenbeitragssatz, dann ist das auch für die Rente schlecht. Sinkt der Beitragssatz, dann ist das gut für die Rente. Dafür sorgt der Beitragssatz-Faktor, der in die Berechnung der Rentenanpassung einfließt. Hier kommt es darauf an, wie sich der Beitrag im letzten gegenüber dem vorletzten Jahr entwickelt hat. 2015 lag der Beitrag – genau wie heute – bei 18,7 %. 2014 waren es noch 18,9 %. Das bringt dann nach der gesetzlichen Rechenanweisung ein kleines weiteres Rentenplus von 0,26 Prozentpunkten. Ist noch mit einer weiteren Senkung des Rentenbeitrags zu rechnen? Wohl kaum. Eher mit einer Steigerung, spätestens im nächsten Jahrzehnt. Das wird dann dazu führen, dass der Rentenanstieg gebremst wird. Wie errechnet sich die Rentenanpassung konkret? Die drei Faktoren werden miteinander multipliziert. Wer will, kann die Probe machen, etwa für die Anpassung Ost: 1,0548 (Bruttolohnentwicklung) x 1,0018 (Nachhaltigkeitsfaktor) x 1,0026 (Beitragssatzfaktor) bringt eine Erhöhung um den Faktor 1,0595 – anders ausgedrückt: um 5,95 %. Welche Rentenentwicklung ist künftig zu erwarten? Die Bundesregierung sagt in ihrem Rentenversicherungsbericht 2015 (BT-Drs. 18/6870) bei den gesetzlichen Renten eine jährliche Steigerung von deutlich über 2 % voraus. Bei der »mittleren Lohnvariante« erwartet sie im Zeitraum von 2015 bis 2029 eine Steigerung von 41 %. Allerdings wird der Rentenanstieg nicht mit der Entwicklung der Löhne und Gehälter der abhängig Beschäftigten Schritt halten. Dafür wird neben der demografischen Entwicklung (die über den Nachhaltigkeitsfaktor eingefangen wird) die Entwicklung des Rentenbeitrags sorgen. Der Rentenbeitrag wird nach den Erwartungen der Bundesregierung bis 2023 auf 20 % ansteigen. Schon diese Anhebung wird dazu führen, dass der kommende Rentenanstieg um 1,7 Prozentpunkte gebremst wird. Rolf Winkel, verantwortlicher Redakteur der Sozialen Sicherheit 154 Soziale Sicherheit 4/2016

Gesundheit Arbeit Versorgungslücken bei betrieblicher Wiedereingliederung psychisch Erkrankter Vorschläge zu einem systemübergreifenden Schnittstellen- und Teilhabemanagement Von Werner Feldes Rund 15 % aller Krankentage mit ärztlichem Attest gehen inzwischen auf psychische Erkrankungen zurück. Im Schnitt dauern Krankschreibungen in diesen Fällen 40 Tage. 1 Psychische Erkrankungen nehmen – obwohl sie in der hausärztlichen Praxis noch oft unerkannt bleiben 2 – in der Kranken- und Frühberentungsstatistik 3 wie auch in den Statistiken zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) 4 vordere Plätze ein. Dieser Befund grenzt hart an einen Totalschaden psychosozial wirksamer Präventionsmaßnahmen. Doch nicht nur bei der Prävention, auch bei der Wiedereingliederung in den Betrieb zum Ende psychischer Krisen von Beschäftigten gibt es große Probleme. Worin liegen die Ursachen dafür? Und: Was könnte hier besser gemacht werden? Studien zeigen: Nach langen Zeiten von Arbeitsunfähigkeit ist die Wiedereingliederung von psychisch Erkrankten deutlich schwieriger als bei somatisch Erkrankten. 5 Auffallend häufig kommt es insbesondere in der Übergangsphase aus dem stationären und teilstationären Bereich zum Arbeitsplatz zu Unterbrechungen und Stillstandszeiten im Behandlungs- und Eingliederungsprozess. Woher rühren diese Schwierigkeiten? Auf welche Strukturprobleme verweisen solche Symptome? 1. Wiedereingliederungshindernisse 1.1 Kommunikations- und Beteiligungsdefizite Es mangelt nicht an guten Vorschlägen für eine sorgenfreie Nachsorge nach psychosomatisch-psychotherapeutischer Rehabilitation. 6 Die Nachsorgewirklichkeit für arbeitsfähige Rehabilitanden insbesondere bei der Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag verläuft jedoch viel zu oft in schiefen Bahnen. Erreicht die Ankündigung der Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit durch die Betroffenen das Unternehmen, sind nicht nur Personal- und Linienverantwortliche häufig überrascht und ratlos. Auch die BEM-Akteure in den Betrieben sind oft ungenügend vorbereitet. Es kommt aus zwei Gründen zu dieser typischen Sollbruchstelle: Zum einen verschwinden die Betroffenen mit fortdauernder Erkrankungsdauer aus der Wahrnehmung des betrieblichen Umfeldes. Es kommt vor, dass sie von den verantwortlichen Fach- und Führungskräften schlicht vergessen werden. 7 Waren diese inzwischen mit der Beschaffung von Ersatzpersonal erfolgreich oder wurde die Stelle in anderer Weise besetzt, muss sich niemand auf die Rückkehr der Betroffenen einstellen. Sie erscheinen dann in keiner Arbeitsorganisation als zu verplanende Personalkapazitäten. Es kommt ein zweites hinzu: Ein nicht zu unterschätzender Teil der betrieblichen Eingliederungsteams verzichtet auf eine mit dem Klienten abgestimmte Begleitung während der Behandlung und verzichtet damit auch darauf, die Wiedereingliederung und die Beteiligung der verantwortlichen Führungskräfte zeitgerecht zu steuern. Der Suchprozess 8 nach einem leistungsadäquat angepassten Arbeitsplatz ist aber nur dann als ein umsichtiger Kommunikationsprozess erfolgreich, wenn sich alle Beteiligten gerade bei langwierigen Krankheitsverläufen immer wieder den aktuellen Reha-Status des Betroffenen vor Augen führen, um so das richtige Eingliederungstiming zu entwickeln. So lässt sich verhindern, dass zum Beispiel im Zuge parallel verlaufender Reorganisationsmaßnahmen Einsatzmöglichkeiten für die Betroffenen »unter der Hand verschwinden«. Vor allem lässt sich damit der durchaus alltägliche Super-Gau im BEM verhindern: die Verlängerung von Krankschreibung und Krankengeldbezug, Freistellung von der Arbeit und Zuweisung minderwertiger Tätigkeit. 1.2 Nachstationäre Eingliederungshemmnisse Ein weiteres Wiedereingliederungshindernis baut sich an der Überleitungsstelle vom (teil-)stationären Versorgungssektor zur psychotherapeutischen Nachbehandlung und in der Kommunikation und Kooperation zwischen Betrieb 1 vgl. Karin Kliner/Dirk Rennert/Matthias Richter (Hrsg.): BKK Gesundheitsatlas 2015. Gesundheit in Regionen – Blickpunkt Psyche, Berlin 2015, S. XI 2 vgl. Timo Harfst/Gerd Marstedt: Psychische Gesundheit in Deutschland. Erkrankungen bleiben oft unentdeckt, in: Newsletter Gesundheitsmonitor 1/2009 der Bertelsmann Stiftung, S. 1–7 3 Zwischen 1993 und 2014 stieg der Anteil der Menschen, die aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gingen von 15,4 auf 43,1 %; vgl. Deutsche Rentenversicherung (DRV) Bund: Rentenversicherung in Zeitreihen 2015, S. 110. 4 nach § 84 Abs. 2 SGB IX 5 vgl. Julia Scharnhorst: Burnout – Präventionsstrategien und Handlungsoptionen für Unternehmen, Freiburg/Berlin 2012; Ingra Freigang-Bauer/ Ferdinand Gröben: Eingliederung von Mitarbeitern mit psychischen Erkrankungen – Handlungsbedarf aus Sicht betrieblicher Akteure, Hans-Böckler- Stiftung, Arbeitspapier 224, Düsseldorf 2011 6 vgl. DRV Bund (Hrsg.): Positionspapier der Deutschen Rentenversicherung zur Bedeutung psychischer Erkrankungen in der Rehabilitation und bei Erwerbsminderung, Berlin 2014 7 vgl. Werner Feldes: Eingliedern statt Kündigen: Eckpunkte für eine Betriebsvereinbarung zum Eingliederungsmanagement, in: Arbeitsrecht im Betrieb 9/2005, S. 546–548 8 vgl. Wolfhard Kohte: Das betriebliche Eingliederungsmanagement – Ein doppelter Suchprozess, in: WSI-Mitteilungen 7/2010, S. 374–377 Soziale Sicherheit 4/2016 155

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