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Leseprobe Soziale Sicherheit 05_2017

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Gesundheit Pflege

Gesundheit Pflege Versorgung sterbenskranker Menschen in Deutschland Auswirkungen des Hospiz- und Palliativgesetzes für die Plege Von Jürgen Brüggemann Sterbenskranke Menschen brauchen eine besondere Unterstützung, Versorgung, Hilfe und Plege. Im Dezember 2015 ist das Hospiz- und Palliativgesetz (HPG) 1 in Kraft getreten. 2 Ziel dieses Gesetzes ist es, durch die Stärkung der Hospiz- und Palliativversorgung in ganz Deutschland ein lächendeckendes Angebot zu verwirklichen, damit alle Menschen an den Orten, an denen sie ihre letzte Lebensphase verbringen, auch im Sterben gut versorgt und begleitet werden. Im Folgenden werden die wesentlichen Versorgungsstrukturen zur Hospiz- und Palliativversorgung kurz dargestellt und die sich aus dem HPG ergebenden Änderungen mit besonderem Augenmerk auf die Plege erläutert. Am Schluss geht es um die gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase. Beratung durch die Krankenkassen Um Versicherten in der letzten Lebensphase die Versorgung und Begleitung zukommen lassen zu können, die sie benötigen, ist mit dem HPG ein Anspruch der Versicherten auf individuelle Beratung und Hilfestellung durch die gesetzlichen Krankenkassen bei der Auswahl und der Inanspruchnahme von Leistungen der Hospiz- und Palliativversorgung geschaffen worden. Der Anspruch umfasst die Information über das regional vorhandene Beratungs- und Versorgungsangebot sowie deren Ansprechpartner und ggf. Hilfestellung bei der Kontaktaufnahme. Die Krankenkassen können diese Beratung mit der Plegeberatung nach § 7 a SGB XI bzw. den Beratungen durch Plegestützpunkte abstimmen. Beispielsweise hat der AOK-Bundesverband zur Umsetzung dieses Beratungsangebotes über die Versorgungsstrukturen u.a. einen Palliativwegweiser im Internet eingerichtet, mit dessen Hilfe man sich u. a. auch über Einrichtungen vor Ort informieren kann. 3 Darüber hinaus haben die Krankenkassen ihre Versicherten in allgemeiner Form über die Möglichkeiten der persönlichen Vorsorge für die letzte Lebensphase (z. B. mittels Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung) zu Informieren. Diese Information soll sich an einer Regelung des GKV-Spitzenverbandes zu Form und Inhalt der Information orientieren. Diese Regelung liegt seit Mitte 2016 vor. 4 1 Genauer Titel: »Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland«. Zum Begriff »Palliativ Care« s. auch den Kasten auf dieser Seite. 2 vgl. »Bundestag beschließt Hospiz- und Palliativgesetz«, in: SozSich 11/2015, S. 388 3 z. B. für die AOK Rheinland/Hamburg unter: https://rh.aok.de/medizinversorgung/aok-palliativwegweiser/ 4 im Internet abrufbar unter: www.gkv-spitzenverband.de > Krankenversicherung > Hospiz- und Palliativversorgung > Link »Regelungen […] über die Information der Versicherten über die Möglichkeiten persönlicher Vorsorge für die letzte Lebensphase« 5 http://www.who.int/ncds/management/palliative-care/en/ 6 Dies betrifft sterbende Menschen mit einer Erkrankung, die progredient (progressiv fortschreitend) verläuft und bereits ein weit fortgeschrittenes Stadium erreicht hat und bei der eine Heilung nach dem Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht zu erwarten ist und bei der der sterbende Mensch eine palliative Versorgung und eine qualiizierte ehrenamtliche Sterbebegleitung wünscht. Palliativ Care »Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen, und zwar durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, Einschätzen und Behandeln von Schmerzen sowie anderer belastender Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.« (Weltgesundheitsorganisation/WHO 2002 5 ) Palliativversorgung durch Vertragsärzte Im vertragsärztlichen Bereich wurden durch das HPG zusätzlich vergütete Leistungen eingeführt. Ärzte, die diese Leistungen erbringen wollen, müssen speziische Qualiikationen erfüllen. Die bereits mögliche palliativ-medizinische Ersterhebung des Patientenstatus und die palliativ-medizinische Betreuung im hausärztlichen Bereich werden damit ergänzt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband sollen im Bundesmantelvertrag Ärzte die Voraussetzungen für eine besonders qualiizierte und koordinierte palliativ-medizinische Versorgung vereinbaren. Insbesondere sollen die Inhalte und Ziele dieser Leistung, die Abgrenzung zu anderen Leistungen, die Anforderungen an die Qualiikation der ärztlichen Leistungserbringer, die Anforderung an die Koordination und Kommunikation mit anderen beteiligten Leistungserbringern und Maßnahmen zur Sicherung der Versorgungsqualität geregelt werden. Die Vereinbarung sollte bis zum 30. Juni 2016 getroffen werden. Die Verhandlungen sind zwar inzwischen abgeschlossen, die zugehörigen Vergütungsregelungen werden aber noch beraten. Ambulante Hospizdienste Die Krankenkassen fördern ambulante Hospizdienste. Das Angebot dieser Dienste richtet sich an sterbende Menschen mit einer Erkrankung, die einen Bedarf an palliativer Begleitung begründet 6 und die keine Krankenhausbehand- 198 Soziale Sicherheit 5/2017

Pflege Gesundheit lung und keine stationäre oder teilstationäre Versorgung in einem Hospiz erfordert. Das Angebot richtet sich gleichzeitig an Angehörige. Es kann über den Tod hinaus auch in der Trauerphase weitergeführt werden. Ambulante Hospizdienste leisten eine qualiizierte ehrenamtliche Sterbebegleitung sowie eine palliativ-plegerische Beratung – insbesondere im Haushalt, der Familie oder auch in stationären Plegeeinrichtungen. Die ambulanten Hospizdienste müssen mit palliativ-medizinisch erfahrenen Plegediensten und Ärzten zusammenarbeiten. Ein ambulanter Hospizdienst erbringt seine Angebote unter der fachlichen Leitung einer Plegefachkraft oder einer Fachkraft mit einem einschlägigen Studienabschluss (insbesondere in der Plege, Sozialpädagogik, Sozialarbeit oder Heilpädagogik). Diese Fachkraft muss über eine Palliativ-Care-Weiterbildung verfügen und mindestens drei Jahre Berufserfahrung haben. Die Hauptarbeit eines ambulanten Hospizdienstes wird durch geschulte ehrenamtliche Kräfte erbracht. Verbesserungen durch das HPG ergeben sich für die ambulanten Hospizdienste insbesondere durch die Erweiterung der Förderung durch die Krankenkassen. Bisher wurden die Personalkosten gefördert, nun umfasst die Förderung auch die Sachkosten. Zudem wurde der Förderbetrag je Leistungseinheit von 11 auf 13 % der monatlichen Bezugsgröße erhöht. Neue Hospizdienste müssen nicht mehr mindestens ein Jahr bestehen, um in die Förderung durch die Krankenkassen einbezogen zu werden. Die Verhandlungen zur Anpassung der entsprechenden Rahmenvereinbarungen nach § 39 a Abs. 2 SGB V wurden bereits so frühzeitig begonnen und abgeschlossen, dass das Förderverfahren für die ambulanten Hospizdienste für 2016 bereits unter Berücksichtigung der neuen Regelungen durchgeführt werden konnte. Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes gibt es in Deutschland derzeit etwa 1.500 ambulante Hospizdienste. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist die jüngste Ausprägung im Leistungsgefüge. Sie wurde zum 1. April 2007 eingeführt und dient dem Ziel, die Lebensqualität und die Selbstbestimmung schwerkranker Menschen zu erhalten, zu fördern und zu verbessern und ein menschenwürdiges Leben in der vertrauten häuslichen Umgebung oder in einer stationären Plegeeinrichtung zu ermöglichen. In stationären Hospizen haben Versicherte Anspruch auf die Teilleistung der erforderlichen ärztlichen Versorgung im Rahmen der SAPV. Im Vordergrund steht auch hier nicht der kurative Ansatz, sondern die medizinisch-plegerische Zielsetzung, Symptome und Leiden einzelfallgerecht zu lindern. Damit wurde eine Lücke geschlossen für Personen, die nicht mit dem Angebot eines ambulanten Hospizdienstes auskommen und die durch das Angebot der SAPV nicht auf eine stationäre Hospizversorgung angewiesen sind. Versicherte haben einen Anspruch auf SAPV, wenn sie an einer nicht heilbaren, fortschreitenden und so weit fortgeschrittenen Erkrankung leiden, dass dadurch ihre Lebenserwartung begrenzt ist und sie eine besonders aufwändige Versorgung benötigen, die nach den medizinischen und plegerischen Erfordernissen auch ambulant oder in einer stationären Plegeeinrichtung erbracht werden kann. Eine besonders aufwändige Versorgung kann erforderlich sein bei einem komplexen Symptomgeschehen. Ein Symptomgeschehen ist dann komplex, wenn mindestens eine der nachstehenden Problematiken vorliegt: • ausgeprägte Schmerzsymptomatik • ausgeprägte neurologische/psychiatrische/psychische Symptomatik • ausgeprägte respiratorische 7 /kardiale 8 Symptomatik • ausgeprägte gastrointestinale 9 Symptomatik • ausgeprägte ulzerierende 10 /exulzerierende 11 Wunden oder Tumore • ausgeprägte urogenitale 12 Symptomatik. Die SAPV umfasst alle Leistungen der ambulanten Krankenbehandlung, die erforderliche Koordination der diagnostischen, therapeutischen und plegerischen Teilleistungen sowie die Beratung des Versicherten, seiner Angehörigen und aller an der Versorgung beteiligten Akteure. Sie kann entsprechend dem individuellen Bedarf als Beratungsleistung, Koordination der Versorgung, additiv unterstützende Teilversorgung sowie als vollständige Versorgung erbracht werden. Eine Ruf-, Notfall- und Kriseninterventionsbereitschaft kann erforderlich sein. Die SAPV muss in das regionale Versorgungsnetz eingebunden und damit gut vernetzt sein. Die spezialisierten Leistungserbringer sind besonders qualiizierte Ärzte (anerkannte Zusatzqualiikation Palliativmedizin im Umfang von 160 Stunden, zusätzlich Erfahrung in der Palliativversorgung) und Plegefachkräfte (Palliativ-Care-Weiterbildung im Umfang von 160 Stunden, zusätzlich Erfahrung in der Palliativversorgung), die als Palliativ-Care-Team zusammenarbeiten. Der GKV-Spitzenverband erstellt jährlich einen Bericht zum vertraglichen Umsetzungstand bei der SAPV-Versorgung. Im letzten Bericht 13 wurde mit Stand vom 31. Dezember 2015 von ca. 280 Verträgen (nach § 132 d SGB V mit Leistungserbringern, einschließlich Ausrichtung auf Kinder, Rahmenverträge mit Kassenärztlichen Vereinigungen, Verträgen zur Integrierten Versorgung nach § 140 a SGB XI) berichtet. Diesem Bericht nach ist es den Vertragspartnern zwischenzeitlich gelungen, in den meisten Regionen eine lächendeckende Versorgung mit SAPV-Leistungen vertraglich sicherzustellen. Der Bericht zeigt aber auch, dass dem weiteren Ausbau der SAPV durch externe Rahmenbedingungen (insbesondere mangelnde Verfügbarkeit von qualiizierten und berufserfahrenen Fachkräften) gewisse Grenzen gesetzt sind. Nach Angaben der Kassenärztlichen 7 die Atmung betreffende 8 das Herz betreffende 9 den Magen und Darm betreffende 10 geschwürige 11 aufbrechende geschwürige 12 Harn- und Geschlechtsorgane betreffende 13 GKV-Spitzenverband: Bericht des GKV-Spitzenverbandes zum Stand der vertraglichen Umsetzung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) zum Stichtag 31. Dezember 2015, Berlin 2016 Soziale Sicherheit 5/2017 199

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