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Leseprobe Gute Arbeit 9_2016

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arbeitsschutz und arbeitsgestaltung Mitbestimmung beim Technikeinsatz Gute Arbeit 9 | 2016 Mitbestimmung beim Technikeinsatz menschengerechte arbeitsgestaltung Die Digitalisierung verändert die Arbeitsorganisation, die Arbeitsmittel sowie deren Funktionalität. Damit beim Einsatz neuer technischer Systeme die Gesundheitsprävention nicht auf der Strecke bleibt, ist Mitbestimmung gefragt. VON EBERHARD KIESCHE, MATTIAS RUCHHÖFT, MATTHIAS WILKE Darum geht es 1. Die Digitalisierung der Arbeitswelt wirkt sich oft negativ auf die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten und ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung aus. 2. Interessenvertretungen müssen daher bei jeder neuen Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) die Folgen des Technikeinsatzes für den Gesundheitsschutz abschätzen und Gestaltungsstrategien entwickeln. 3. Handlungsmöglichkeiten für Interessenvertretungen ergeben sich aus den Rechten nach den Beteiligungsgesetzen (PersVG, BetrVG) und den gesetzlichen Regelungen zum Arbeitsschutz und Beschäftigtendatenschutz. Das Arbeitsleben wird rasant digitalisiert. Immer komplexere Systeme der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) kommen zum Einsatz, die bisherige Arbeitssysteme grundlegend verändern. Intelligente und vernetzte Maschinen und Computer aller Art – wie Notebooks, Smartphones, Tablet- PCs – prägen die Arbeitswelt. Sie ermöglichen mobile Arbeit an jedem Ort und zu jeder Zeit, während insbesondere die Wissensarbeit weltweit vernetzt ist und jederzeit Zugrif auf große Datenbanken möglich ist. Bildschirmarbeit gehört inzwischen für die Mehrzahl der Beschäftigten in allen Arbeitsbereichen zur alltäglichen Arbeitsumgebung. Auch in der Produktion sind Bildschirme typische und unverzichtbare Steuerungsmittel. 1 Digitale Arbeitswelt: Arbeitsformen, Systeme und Trends Die digitale Technik durchdringt die Arbeitsund Privatwelt, schaft intelligente Umgebungen, ermöglicht virtuelle Formen der Zusammenarbeit – und generiert dabei permanent personenbezogene Daten jeglicher Art. Es entstehen riesige Datenmengen, Big Data genannt, die mit Algorithmen intelligent ausgewertet werden können. 2 Solche Auswertungen sind auch zum Nachteil der Beschäftigten möglich, können zum Zwecke der Leistungsund Verhaltenskontrolle missbraucht werden. IKT-Systeme einschließlich der jeweiligen Software bieten für Beschäftigte sowohl Chancen – in Form von Arbeitserleichterungen – als auch gesundheitliche Belastungen – wie Überforderung, mediale Überlutung, Arbeitsverdichtung – sowie soziale Risiken, etwa die unbefugte Kontrolle. Risiken: Folgen der IKT-Systeme abschätzen Interessenvertretungen können immer schwieriger die Summe der Folgen eingesetzter IKT- Systeme abschätzen. Betriebs- und Personalräte sind jedoch gefordert, geplante technische Innovationen und IKT-Systeme vor ihrer Einführung insbesondere im Sinne des Gesundheitsschutzes und der Prävention zu beurteilen. Sie können dabei die Gefährdungsbeurteilung (§§ 5 und 6 Arbeitsschutzgesetz – ArbSchG, auch § 3 Abs. 3 BetrSichV) 3 und die Technikfolgenabschätzung nutzen. Risiken für die Beschäftigten beziehen sich u. a. auf · den Gesundheitsschutz (menschengerechte Arbeitsgestaltung) · den Schutz des Persönlichkeitsrechts und der informationellen Selbstbestimmung (Recht auf Datenschutz) · Rationalisierungsschutz · und Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten. Anforderungen: Gesundheitsschutz und moderne Technik Durch die Verfügbarkeit von Notebooks, Smartphones und Tablets verbreitet sich mo- 1 Vgl. Kohte 2016, S. 1417,1421. 2 Vgl. Wilke/Stoppkotte 2015, S. 18–22. 3 Vgl. auch Beitrag S. 20–22 in dieser Ausgabe 28

Gute Arbeit 9 | 2016 Mitbestimmung beim Technikeinsatz arbeitsschutz unD arbeitsgestaltung bile Arbeit rasant. In der Folge kann es zur ungebremsten Entgrenzung von Arbeit kommen. Grenzenlose Flexibilität und ständige Erreichbarkeit 4 geraten ohne Mitbestimmung, Transparenz, Unterweisungen und Schulungen zur Belastungsprobe: Die Beschäftigten werden oft nicht über den richtigen Umgang mit Gefährdungen durch neue Arbeitsformen/-mittel und zum Beispiel zum Arbeitszeitrecht bei Mobilarbeit (Zeiterfassung, Pausengestaltung, Ruhezeiten etc.) informiert, unterwiesen oder gar geschult. Häuig ist unklar, was Vorgesetzte erwarten und was möglich, erlaubt oder verboten ist. 5 Das bringt Unsicherheit mit sich. Interessenvertretungen sollten daher zum Beispiel im Arbeitsschutzausschuss (ASA) darauf dringen, dass ein geordnetes Verfahren für die Einführung technischer Innovationen entwickelt wird: mit vorrausschauender Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG, frühzeitigen Unterweisungen, Schulungen (Qualifizierung) und Beteiligung der Beschäftigten. Gelingt dies nicht, sollten sie eine Dienst-/ Betriebsvereinbarung für ein derartiges Verfahren initiieren. Neue und alte Aufgaben: Gefährdungsbeurteilung und Qualiizierung Besonders die psychischen Belastungen und (Fehl-)Beanspruchungen der Beschäftigten steigen an. Das Arbeitstempo erhöht sich, es kommt zur Arbeitsintensivierung, zum Multitasking und Dauer-Stress – auch infolge technischer Störungen. Die Anforderungen an eine gesunde und ressourcenorientierte Selbststeuerung der Beschäftigten steigen. 6 Die (übermäßige) Überwachung der Beschäftigten durch IT-Systeme gefährdet – nicht nur in Call Centern – die psychische Gesundheit. Beschäftigte spüren den Qualifizierungsdruck bei allen technischen Innovationen. Gleichzeitig bieten viele Unternehmen und Verwaltungen kaum Fort- und Weiterbildung an, z. B. in Medienkompetenz. Diesbezüglich sollten die Interessenvertretungen, z. B. Betriebsräte nach §§ 96-98 BetrVG, prüfen, wie die (kontinuierliche) Qualifizierungsarbeit im Betrieb aufgestellt ist und bei Bedarf initiativ werden. Auch Ängste nehmen zu, den Arbeitsplatz zu verlieren: Denn intelligente Maschinen automatisieren Arbeitsprozesse und rationalisieren Arbeitsplätze weg (vgl. Kurz/Rieger 2013). Erste Produktionsprozesse und Maschinen werden per Fernwartungen überwacht, teils wird das Servicepersonal überflüssig oder outgesourct, PCs und Systeme lassen sich längst vom Ausland aus »warten« – mit unterschiedlicher Qualität. Auch in der Finanz- und Versicherungsbranche werden Prozesse automatisiert. Beteiligungsrechte: Fristen und Verfahren in Vereinbarungen regeln Bestimmte Arbeitsschutzprobleme verschärfen sich z. B. beim Robotereinsatz, hinsichtlich der Maschinen- und Betriebssicherheit. Es kam z. B. zu einem tödlichen Arbeitsunfall mit einem Montageroboter (»Gute Arbeit« 8/9/2015, S. 43), der viele Fragen der Qualität der Aufsicht und Arbeitsschutzorganisation aufwirft. gutearbeit-online.de } } Warum Arbeitszeit Grenzen braucht: Arbeitszeitgestaltung und Gesundheitsschutz war das Titelthema in »Gute Arbeit« 1/2016. } } Mehr Stress durch mehr Freiheit: In der Ausgabe 2/2016 ging es im Titelthema um Gesundheitsgefahren durch »Selbstmanagement« der Beschäftigten bzw. Mitarbeiterführung per Zielvereinbarung – Stichwort »interessierte Selbstgefährdung«. } } Arbeitsschutz und Datenbrillen war Thema eines Beitrags in Gute Arbeit 2/2016 (S. 27-28). DER EInsatz Von Ikt-sYstEmEn IKT-Systeme sind z. B. · biometrische Techniken für die Zugangskontrolle (z. B. mit dem Scannen der Iris, Gesichtserkennung etc.) · cyberphysische Systeme, d. h. ein Verbund informatischer, softwaretechnischer Komponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen, die über eine Dateninfrastruktur, wie das Internet, kommunizieren (Internet der Dinge) · Smartphones und mobile Endgeräte zur Daten- und Textverarbeitung · das Tragen von Datenbrillen · der Einsatz von Computern am Körper · verkettete, intelligente Maschinen mit RFID -Chips 1 · Mensch-Roboter-Kollaboration/Interaktion · Assistenzsysteme im Gesundheitswesen · Software wie z. B. MS Oice 356 · Ortungssysteme und Videoüberwachung mit intelligenten (Mini)-Kameras. 1 Radio Frequency Identification: Sender-Empfänger-Systeme zum automatischen, berührungslosen Identifizieren und Lokalisieren von Objekten und Lebewesen mit Radiowellen. 4 Vgl. Maschke/Werner 2016. 5 Zu Gesundheitsschutz und Arbeitszeit vgl. Titelthema »Gute Arbeit« 1/2016 (S. 8-22). 6 Zur Selbststeuerung, Führung über Zielvereinbarungen und »interessierte Selbstgefährdung« vgl. Titelthema »Gute Arbeit« 2/2016 (S. 8-19). 29

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