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Leseprobe Gute Arbeit 5_2016

trends Krankenstand und

trends Krankenstand und Geschlecht Gute Arbeit 5 | 2016 Krankenstand und Geschlecht KranKmelDUnGen Der Krankenstand 2015 dümpelt auf etwa dem gleichen Niveau wie in den Vorjahren. Frauen haben mehr Fehltage als Männer. Auch bei den Krankheitsarten gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. VON JÜRGEN REUSCH DarUm Geht es 1. Der Krankenstand 2015 lag weiter knapp unter 4% und zeigt keine steigende Tendenz. 2. Psychische und Muskel-Skelett-Erkrankungen sind die Hauptursache für Krankmeldungen. 3. Der Krankenstand ist bei Frauen etwas höher als bei Männern und sie sind stärker von psychischen Erkrankungen betroffen. Beim Krankenstand nichts Neues, könnte die Schlagzeile lauten, wenn die Daten des Jahres 2015 mit denen früherer Jahre verglichen werden. Die amtliche Krankenstands-Statistik der Plichtversicherten in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) meldet für das vergangene Jahr einen Durchschnittswert von 3,86%. Gegenüber 2014 (3,68%) ist das ein minimaler Anstieg, im längerfristigen Vergleich etwa seit 2010 ist das eine Stagnation (s. Abb. unten). Ein durchschnittlicher Krankenstand von 3,86% für 2015 bedeutet, dass dieser Prozentsatz der in der GKV plichtversicherten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeitsunfähig krank gemeldet war. Wie schon in den Vorjahren lag der Krankenstand der Männer etwas niedriger als der der Frauen (3,7% zu 4,04%). Auch die langfristige Tendenz des Rückgangs des Krankenstands vor allem seit Mitte der 1990er Jahre ist im Wesentlichen unverändert. Seit 2003 liegt der Krankenstand in der GKV mit Schwankungen unter 4%. Grippewelle sorgt für Krankmeldungen Die Krankenstands-Daten einzelner Krankenkassen für 2015 weichen teilweise von den Stichtagswerten der GKV ab. Bei den 12 Millionen Versicherten der AOK beispielsweise stieg der Krankenstand 2015 im Vergleich zum Vorjahr von 5,2 auf 5,3%. Der Hauptauslöser dafür waren Erkältungskrankheiten in den ersten drei Monaten des Jahres 2015. Die AOK stellt fest, dass Beschäftigte mit viel berulichem Kontakt zu anderen Menschen – so etwa in Großraumbüros und Call Centern – häuiger als andere Berufsgruppen von Erkältungskrankheiten betrofen sind. Die DAK verzeichnet 2015 für ihre 2,7 Millionen erwerbstätigen Versicherten einen Krankenstand von 4,1%. Das sei der höchste Wert seit 16 Jahren und hänge teilweise mit der Erkältungs- und Grip- gkv-krankenstand 1999 bis 2015 4,4 4,2 4,0 3,8 3,6 3,4 3,2 3,0 4,27 4,22 4,19 1999 2000 2001 4,02 2002 3,61 2003 3,39 2004 3,62 2005 3,29 3,22 3,34 3,40 3,68 2006 2007 2008 2009 2010 3,86 3,86 3,64 3,78 3,68 2011 2012 2013 2014 2015 Quelle: BMG 2015 24

Gute Arbeit 5 | 2016 Krankenstand und Geschlecht trends pewelle der ersten Monate 2015 zusammen. Der Anstieg des Krankenstands sei in hohem Maße erklärbar durch mehr Fehltage aufgrund von Atemwegserkrankungen (plus 27% gegenüber 2014) – allerdings nicht nur. Psychische Störungen nahmen erneut zu Die tiefer liegende Ursache für die kontinuierlich zunehmenden Krankschreibungen ist nämlich, wie es im DAK-Gesundheitsreport 2015 genauer ausgeführt wird, die Zunahme psychischer Erkrankungen und der Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Seit 2006 verzeichnet die DAK insgesamt einen ansteigenden Trend beim Krankenstand. Die Zahl der Fehltage hat sich seitdem um 28% erhöht – und zwar durch einen Anstieg bei eben diesen beiden Erkrankungsarten. Bei den erwerbstätigen Versicherten der DAK gingen die meisten Ausfalltage auf Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen zurück. Auch psychische Leiden nahmen 2015 – auf bereits hohem Niveau – erneut leicht zu. Sie verursachten rund 3% mehr Fehltage als 2014 und rangieren somit auf der Liste der häufigsten Diagnosen auf Platz drei, ganz dicht hinter den Erkältungskrankheiten. Unterschiede zwischen den Geschlechtern Der DAK-Gesundheitsreport 2016 untersucht außerdem die Geschlechterunterschiede bei der Krankenstands-Entwicklung. Neben der Analyse der einschlägigen Daten wurden dafür mehr als 5 000 Frauen und Männer im Alter von 18 und 65 Jahren repräsentativ befragt. Der Krankenstand bei den Frauen lag 14% höher als bei den Männern. Damit waren 2015 an jedem Tag 44 von 1 000 weiblichen Beschäftigten krankgeschrieben. Bei den Männern waren es 39. Darüber hinaus zeigt der Report, dass eine Krankschreibung bei Frauen im Durchschnitt zwar kürzer ausgefallen ist, dafür aber häufiger vorkam: Mit insgesamt 134,4 Krankheitsfällen je 100 Versicherte lagen Frauen vor ihren männlichen Kollegen mit 115,8 Krankheitsfällen. Männer und Frauen sind anders krank Die Untersuchung zeigt, dass Männer in allen Altersgruppen sehr viel öfter wegen Herz- Kreislauf-Erkrankungen im Job fehlten als Frauen (65% mehr Fehltage). Zwischen 45 und 64 Jahren erkrankt fast jeder zehnte Mann an einer koronaren Herzerkrankung. Bei Verletzungen hatten Männer fast doppelt so viele Fehltage (plus 48%) wie Frauen. Gründe hierfür sieht die DAK-Studie in der höheren Risikobereitschaft von Männern sowie in anderen Tätigkeiten im Beruf. Frauen fehlten hingegen deutlich öfter wegen psychischer Erkrankungen als Männer (67% mehr Fehltage). Vor allem von Depressionen waren sie weit häufiger betroffen. Sie nahmen auch öfter Psychopharmaka ein: Jede elfte Frau bekam im vergangenen Jahr beispielweise eine Verordnung für Antidepressiva, aber nur jeder 20. Mann. In vielen Branchen haben Frauen einen überdurchschnittlich höheren Krankenstand als Männer. Dazu gehören die öffentliche Verwaltung und das Gesundheitswesen. Unterschiede beim Präsentismus Die Analyse der DAK-Gesundheit zeigt außerdem, dass Frauen oft in Berufen arbeiten, in denen sie mit ofensichtlichen Krankheitssymptomen, wie beispielsweise einer starken Erkältung, nicht zur Arbeit gehen können. Mehr als jede zweite Frau gab dies an (53%), aber nur 45% der Männer. Auch tragen Frauen immer noch den größeren Anteil bei der Betreuung kranker Kinder: Mehr als jede vierte Frau (27%) sagte, dass sie sich bei einer Erkrankung des Kindes selbst krank gemeldet hat, weil sie sich nicht anders zu helfen wusste. Bei den Männern waren es nur 17,5%. Darüber hinaus gingen Frauen, wenn sie krank sind, häufig trotzdem zur Arbeit – betrieben also Präsentismus (siehe Marginalspalte). 67% der Frauen gaben an, mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit gegangen zu sein. Bei den Männern waren es 60%. Als Hauptgrund wurde von Frauen genannt, dass sie Kolleginnen und Kollegen nicht hängen lassen wollten (86%). Jede zweite Frau sagte, Kunden oder Patienten würden darunter leiden, wenn sie sich krank meldete. Mehr Frauen als Männer fürchten berufliche Nachteile, wenn sie sich krank melden. v Dr. Jürgen Reusch, freier Autor und Berater. Redakteur der Jahrbuchreihe Gute Arbeit. Kontakt: juergen.reusch@bund-verlag.de linKtiPPs + ++ Die Krankenstands- Daten der GKV stehen auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums zum Download unter www.bmg.bund.de (> Krankenversicherung > Zahlen und Fakten > Mitglieder und Versicherte). + ++ Der DAK-Gesundheitsreport 2016 kann als pdf-Datei heruntergeladen werden unter www.dak.de (>Presse > Gesundheitsreport) PräsentismUs Der in den letzten Jahren populär gewordene Fachbegriff »Präsentismus« (von Präsenz = Anwesenheit) meint, das Beschäftigte weiter zur Arbeit kommen, obwohl sie krank sind und nach Auffassung des behandelnden Arztes sogar arbeitsunfähig krank geschrieben werden müssten. »Präsentismus« ist ausdrücklich negativ gemeint; denn trotz Krankheit zur Arbeit gehen bedeutet, eine Krankheit nicht auszukurieren und längerfristig eine ersthaftere Erkrankung zu riskieren. Außerdem sind Beschäftigte, die trotz Krankheit zur Arbeit kommen, nachweislich weniger leistungsfähig, was auch nicht im Interesse ihres Betriebes liegen kann. 25

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