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Leseprobe Gute Arbeit 5_2016

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titelthema BerUFsKranKheiten Gute Arbeit 5 | 2016 Wo es bei der Anerkennung hapert BerUFsKranKheiten Wer durch seine Arbeit einen dauerhaften Gesundheitsschaden erleidet, kann nicht automatisch auf eine Entschädigung hof en. Das wird schon seit Langem kritisiert. Kommt jetzt endlich Bewegung in die Sache? VON JÜRGEN REUSCH 8

Gute Arbeit 5 | 2016 berufskrankheiten titelthema Berufskrankheiten – dieses Problem hat viele Gesichter: Da ist der Stuckateur Rolf M., der jahrelang schwer heben und tragen musste und einen kranken Rücken hat. Und der Schifbauer Gerhard B., der immer im Hocken oder Knien arbeitete und sich mit einem kaputten Kniegelenk plagt. Oder die Friseurin Sigrid S., die wegen der vielen Chemikalien am Arbeitsplatz Latexhandschuhe trug und seither an einer Dermatose leidet, mit chronischem Jucken und Hautrötungen. Schließlich der Bauarbeiter Helmut L., der vor 30, 40 Jahren mit Asbest arbeitete, krank wurde, aber die Belastungen von damals heute nicht mehr nachweisen kann. Und Martina M., die auch heute noch in einer extrem lauten Getränkeabfüllanlage ihren Arbeitsplatz hat, mit der Folge eines irreparablen Gehörschadens. Verdachtsanzeige als erster Schritt Alle Fälle haben etwas gemeinsam: Sie haben bei ihrer Berufsgenossenschaft eine Anzeige auf Verdacht einer Berufskrankheit erstattet. Und sind damit gescheitert. Aus unterschiedlichen Gründen. Im einen Fall wurde die berufliche Verursachung ihrer Krankheit bestritten. Im anderen Fall wurde sie eingeräumt, aber nicht in der für erforderlich gehaltenen Dosis. In einem weiteren Fall ließ sich die lange zurückliegende Gesundheitsgefährdung nicht mehr nachweisen. Und dann gab es noch den Fall, dass der Betrofene aus Angst vor Arbeitslosigkeit nicht bereit war, den belastenden Arbeitsplatz, wie gefordert, aufzugeben (vgl. Kasten S. 11 unten, »Unterlassungszwang«). Da ist etwas faul im Staate. Denn das was dem Stuckateur, der Friseurin und dem Bauarbeiter geschieht, das sind keine Einzelfälle. Das betrifft Jahr für Jahr Zehntausende. 2014 wurden mehr als 75 000 Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit gestellt, knapp 17 000 wurden anerkannt, also etwa ein Fünftel. Und nur gut 5 000 erhielten eine Entschädigung. Das sind 7% (s. Abb. Seite 11). Diese Zahlen und die Relationen zwischen ihnen sind über die Jahre und Jahrzehnte weitgehend unverändert geblieben. Die sicherlich hohe Dunkelziffer der arbeitsbedingten Erkrankungen bleibt dabei noch unberücksichtigt. Das ist weiterhin eine Grauzone. Genauere Daten dazu sind in keiner amtlichen Statistik zu finden. DarUm Geht es 1. Im Berufskrankheitensystem hält sich das Missverhältnis zwischen vielen Verdachtsanzeigen, wenigen Anerkennungen und noch weniger Entschädigungen. 2. Durch die hartnäckige Kritik der Gewerkschaften, vor allem der IG Metall, ist inzwischen eine breitere Reformdebatte in Gang gekommen. 3. In der unmittelbaren Verwaltungspraxis der Berufsgenossenschaften gegenüber Erkrankten scheinen nun endlich Verbesserungen durchsetzbar. 9

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