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Leseprobe AiB 3_2016

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aktuelles Warenhäuser

aktuelles Warenhäuser im Ausverkauf AiB 3 | 2016 Warenhäuser im Ausverkauf einzelhandel Kaufhäuser wie Karstadt oder Galeria Kaufhof werden in einer zunehmend auf Online-Handel setzenden Gesellschaft als Anachronismus angesehen. Die Beschäftigten leiden unter Tarilucht, Personalabbau, Arbeitsverdichtung und Verlagerung auf Immobiliengeschäfte. VON GUDRUN GIESE darum geht es 1. Filialschließungen, Stellenabbau und Arbeitsverdichtung prägen die Situation bei Karstadt. Investoren haben entgegen ihren Versprechungen kein Geld ins Unternehmen ließen lassen. 2. Für die Sanierung bringen die Beschäftigten Opfer. Sie verzichten schon lange auf Sonderleistungen und nehmen Löhne unter Tarif in Kauf. 3. Die kanadische Firma HBC hat Galeria Kauhof übernommen und Zusagen zum Erhalt der Stand orte und der Beschäftigten zahl sowie für Investititonen gemacht. Es waren Einkaufserlebnisse der besonderen Art für Menschen aus der Provinz, die in den sechziger bis achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts einige Male im Jahr in der nächstgelegenen Großstadt die riesigen Warenhäuser besuchten. Wie ein Garten Eden des Konsums muteten diese Megageschäfte an, die von der Rolle Nähgarn bis zur Hii-Anlage so ziemlich jedes denkbare Produkt vorrätig hatten. Der Slogan »Kaufhof bietet tausendfach alles unter einem Dach« war programmatisch in einer Zeit, in der Kunden noch die Wohnung verlassen mussten, um ihre Konsumwünsche zu erfüllen. Übertariliche Bezahlung war obligatorisch Aber nicht allein für viele Verbraucher/innen bedeutete der Besuch der Einkaufspaläste ein besonderes Glückserlebnis. Auch die Beschäftigten der Warenhäuser – neben Karstadt und Kaufhof gab es Hertie, Wertheim, Horten und noch einige mehr – sahen sich als privilegierte Arbeitnehmer/innen im Einzelhandel. »Übertariliche Leistungen waren bei uns selbstverständlich«, erinnert sich eine langjährige Karstadt-Beschäftigte und Betriebsrätin, die ihren Namen und Arbeitsort nicht veröffentlich sehen möchte. Nachvollziehbar, denn bei Karstadt hat sich in den zurückliegenden zirka 15 Jahren fast alles verändert – vor allem der Umgang mit den Beschäftigten. »Allein durch den Verzicht auf Sonderleistungen haben wir Karstadt-Beschäftigte schon ab 2004 745 Millionen Euro als Sanierungsbeitrag für das Unternehmen beigesteuert«, erzählt die Betriebsrätin. Es blieb nicht beim einmaligen Verzicht. Ein Sanierungstarifvertrag 2010 und schließlich die Tarilucht im Jahr 2013 verlangten den Mitarbeiter/innen der einstmals größten deutschen Warenhauskette weitere erhebliche materielle Opfer ab. Doch zur nachhaltigen Gesundung des Unternehmens führte das bisher nicht. Im Gegenteil: Seit der Jahrtausendwende steht Karstadt vor allem für gravierendes Missmanagement. Die Immobilien verkaufte das Unternehmen – nur um anschließend völlig überhöhte Mieten für die Warenhäuser an Fondsgesellschaften zahlen zu müssen, die die Häuser erworben hatten. Die Sortimentsentwicklung blieb stecken. Dafür gab es üppige Zahlungen und Abindungen für die Leitungskräfte, die sich in dieser Zeit die Klinke in die Hand gaben. Erwähnt sei beispielhaft nur Thomas Middelhof, der sich auf Karstadt-Kosten (damals umgetauft in »Arcandor«) per Hubschrauber vom heimischen Bielefeld zur Warenhauszentrale nach Essen bringen ließ. Enorme Sanierungsbeiträge der Karstadt-Beschäftigten Als letztes Mittel sollte eine Insolvenz zumindest die Reste des Unternehmens retten. Als Nicolas Berggruen im Sommer 2010 Karstadt für den symbolischen Preis von einem Euro übernahm, hoften die damals noch rund 28.000 Beschäftigten auf baldige Besserung der Lage. Immerhin hatte der Milliardär Berggruen 36

AiB 3 | 2016 Warenhäuser im Ausverkauf aktuelles ein entschuldetes Unternehmen bekommen. Außerdem wurden Mietsenkungen mit dem Immobilieneigentümer Highstreet und Steuerverzicht mit vielen Kommunen vereinbart. Die Beschäftigten steuerten zudem jährlich 50 Millionen Euro durch neuerlichen Verzicht auf diverse Leistungen bei. Doch Berggruen investierte keinen Cent in die Warenhauskette, zog sogar noch Geld aus Karstadt, ging im Frühjahr 2013 aus der Tarifbindung – um schließlich das weiter geschrumpfte Unternehmen 2014 an den österreichischen Immobilienentwickler Signa Holding von René Benko abzugeben – übrigens wiederum für einen Euro. Benko hatte bereits 2013 rentable Teile des Unternehmens, unter anderem die Luxushäuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger, für 300 Millionen Euro mehrheitlich erworben. Filialschließungen statt Investitionen Auch Benko investierte nicht in die verbliebenen Karstadt-Häuser, ließ dafür aber etliche Filialen schließen, in Stuttgart, Köln, Hamburg und einigen weiteren Städten. Nicht nur dadurch ielen Stellen weg, auch in den restlichen Warenhäusern wurde der Personalabbau vorangetrieben. »Die Arbeitsverdichtung ist enorm. Und immer noch sind die Beschäftigten motiviert und loyal«, weiß die langjährige Betriebsrätin. Doch der permanente Raubbau gehe letztlich zu Lasten der Qualität. »Zum Warenhaus gehört zwingend Beratung und Bedienung in den Abteilungen. Wenn das nicht mehr gewährleistet werden kann, wird es schwierig.« Als reines SB-Warenhaus wie real,- oder Kauland werde Karstadt sich auf längere Sicht kaum behaupten können. Karstadt-Leitung fordert Fortsetzung des Tarifverzichts Schwierig entwickeln sich zudem die Verhandlungen mit dem Karstadt-Vorstandschef Stephan Fanderl über die Rückkehr in die Tarifbindung, die eigentlich im Frühjahr 2016 wieder erreicht sein müsste. »Die Karstadt-Leitung fordert drei weitere Jahre Tarifverzicht – erst anschließend will sie über drei weitere Jahre hinweg peu à peu zurück in die Tarifbindung«, sagt Arno Peukes, der bei ver.di die Karstadt-Beschäftigten betreut. »Um das Maß voll zu machen, sollen die Beschäftigten auch noch drei Jahre lang auf das Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten!« Ein Unding – zumal die ver.di-Mitglieder in der Belegschaft wegen der Nachwirkung der Tarifverträge trotz der Tarilucht weiter einen Rechtsanspruch auf diese Zahlungen haben. Allein die Tarilucht kostet jede/n Beschäftigten bei Karstadt bis zu 150 Euro monatlich an Gehalt – so viel mehr erhielte eine Vollzeitkraft, wenn die zwischenzeitlich ausgehandelten Tariferhöhungen gezahlt würden. »Tarif ist das Minimum, das wir für unsere gute Arbeit erwarten«, erklärt auch die Karstadt-Betriebsrätin. »Es ist ein Skandal, dass der Arbeitgeberverband des Einzelhandels HDE mit der ›OT-Mitgliedschaft‹ die massenhafte Tarilucht möglich gemacht hat.« OT-Mitgliedschaft bedeutet, dass Einzelhandelsunternehmen dem Arbeitgeberverband angehören, aber »ohne Tarifbindung« (OT). Sinnvoll wäre es deshalb, die Tarifverträge des Einzelhandels durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für allgemeinverbindlich erklären zu lassen. Doch dabei müsste der HDE mitwirken, der jedoch bisher »seiner Verantwortung nicht gerecht wird und mit der Tarilucht einem Unterbietungswettbewerb bei den Arbeitsbedingungen im Einzelhan- Das kanadische Unternehmen Hudson’s Bay Company (HBC) hat Galeria Kauhof über nommen. Die Beschäftigten hofen auf Investitionen des neuen Eigentümers. 37

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